Organisation

Zeiterfassung: Warum du sie brauchst, auch wenn niemand sie verlangt

Als Kleinunternehmer schreibt dir niemand vor, deine Arbeitszeit zu erfassen, kein Chef, keine Behörde, kein Kunde, solange du nicht nach Stunden abrechnest. Genau deswegen hab ich's in den ersten Monaten auch gelassen. Im Tool-Stack-Artikel hatte ich schon erwähnt, dass ich das nachträglich korrigiert habe. Hier, warum das eine der Entscheidungen war, die meinen Blick auf das eigene Geschäft am meisten verändert hat.

Der Punkt, an dem's mir aufgefallen ist

Ich hatte ein Projekt zum Festpreis kalkuliert, ähnlich wie ein vergleichbares Projekt davor, das gut gelaufen war. Gefühlt lief auch dieses neue Projekt normal, kein Stress, keine auffälligen Probleme. Erst als ich anfing, meine Zeit zu tracken, sah ich schwarz auf weiß: ich hatte für dieses Projekt fast 40 % mehr Stunden gebraucht als für das vermeintlich vergleichbare davor, ohne dass mir das im Arbeitsalltag überhaupt aufgefallen wäre. Mein tatsächlicher Stundensatz für dieses eine Projekt lag am Ende deutlich unter dem, was ich eigentlich kalkuliert hatte.

Ohne Zeiterfassung hätte ich das nie bemerkt, weil sich "viel gearbeitet" und "ineffizient gearbeitet" im Alltag identisch anfühlen.

Was Zeiterfassung für mich tatsächlich bringt, unabhängig von Rechnungen

Der naheliegende Grund für Zeiterfassung ist Abrechnung nach Stunden, aber selbst wenn du ausschließlich zu Festpreisen arbeitest, bringt sie dir drei Dinge:

  • Echte Daten für deine Kalkulation. Du siehst schwarz auf weiß, wie lange bestimmte Projekttypen tatsächlich dauern, nicht wie lange du dachtest, dass sie dauern würden. Das hab ich seitdem für jede neue Preiskalkulation genutzt (dazu auch der 90-Tage-Artikel)
  • Ein ehrliches Bild deiner Auslastung. Ohne Tracking überschätzt man leicht, wie viel man wirklich arbeitet, oder unterschätzt es, beides führt zu falschen Entscheidungen, sei es bei der Preisgestaltung oder dabei, ob du überhaupt noch Kapazität für neue Aufträge hast
  • Ein Frühwarnsystem gegen Selbstausbeutung. Wenn ich über mehrere Wochen sehe, dass ich konstant deutlich mehr arbeite, als ich eigentlich kalkuliert und geplant hatte, ist das ein Signal, entweder die Preise anzupassen oder die Auslastung zu reduzieren, bevor daraus ein Dauerzustand wird

Wie ich es tatsächlich mache, ohne dass es zur Last wird

Ich nutze Toggl Track, mit einem einzigen Timer, den ich beim Wechsel zwischen Projekten einfach umstelle. Keine minutengenaue Aufschlüsselung nach Einzelaufgaben, das wäre mir zu viel Aufwand für zu wenig zusätzlichen Nutzen. Projekt starten, Timer läuft, Projekt beenden, Timer stoppt. Am Ende der Woche schau ich mir kurz an, wie sich die Stunden verteilt haben, mehr nicht.

Der Trick, damit es sich nicht wie eine zusätzliche Pflicht anfühlt: die Erfassung selbst dauert pro Wechsel nur einen Klick, der eigentliche Wert entsteht erst beim gelegentlichen Draufschauen, nicht bei der täglichen Erfassung selbst.

Für wen sich das besonders lohnt

Wenn du ausschließlich zu Festpreisen arbeitest und dir sicher bist, dass deine Kalkulation stimmt, ist der Nutzen kleiner, aber selbst dann würde ich es zumindest testweise für ein paar Monate machen, allein um zu sehen, ob deine Annahmen über die eigene Arbeitszeit überhaupt stimmen. Bei mir haben sie's am Anfang nicht, und das hätte ich ohne Zeiterfassung nie gemerkt.